Im Gedenken an Ellen Kämpfer und Betty Holstein

Das Paket, das die Hoffnung überlebte

aufgeschrieben von Peter Thunsdorff im Sommer 2005 
(zuletzt überarbeitet im September 2008)

 

MeineMutter, Elfriede Thunsdorff-Mollenhauer (*1902 +1994), bekam zu der Zeit als die Juden von den Nationalsozialisten in die Konzentrationslager verschleppt wurden von einer guten Freundin ein Paket - ca. 30x20x15 cm groß - übergeben. Auf der Rückseite des Paketes ist in der Schrift meiner Mutter der Name der Freundin vermerkt: Ellen Kämpfer. Auf dem groben Packpapier sind ein “Expressgut”-Aufkleber mit der “Nr. 1979 von München Hbf 3”, sowie ein zweiter Aufkleber mit dem handschriftlichen Vermerk “Über Lüneburg” geklebt. Ellen Kämpfer hat zum Einpacken vermutlich ein altes Packpapier verwendet, denn sie hatte - wie wir jetzt wissen - eine ältere Schwester, die in München lebte.
Ellen Kämpfer hatte meine Mutter kurz vor ihrer Deportation in das “Arbeitslager” gebeten, das Paket mit perönlichen Dingen für sie aufzubewahren. Ich glaube, dass meine Mutter damals schon wusste, dass sie ihre Freundin wohl nie wiedersehen würde, aber die Hoffnung ist eine starke Kraft, die erst zu allerletzt erlischt.

Die Herkunft des Paketes hatte ich eher zufällig als Kind Anfang der fünfziger Jahre erfahren (ich selbst bin 1943 geboren), als ich nach dem Paket fragte, das da immer unberührt im Schrank meiner Mutter mit ihren persönlichen Sachen lag. Ich hatte das Paket über die Jahrzehnte längst vergessen.

Wie das Paket die drei “Ausbombungen”, die meine Eltern erlebten, überstand, weiß ich nicht; auf jeden Fall gehörte es zu den wenigen Dingen, die meine Mutter hatte retten können. Von Berlin wurde es mitgenommen nach Michendorf vor den Toren Berlins, denn ich hatte mich völlig unerwartet als erstes - und einziges - Kind angemeldet und meine Eltern wollten deshalb den Bombenangriffen ausweichen. Anfang März 1945 wurden wir nach Garding in Schleswig-Holstein evakuiert. Nach Kriegsende konnten wir in das kleine Ferienhaus meiner Eltern in der Heide bei Sprötze (Buchholz) ziehen, das Jahre zuvor ein NS-Parteimitglied requiriert hatte und nun wieder räumen musste. 1946 zogen wir nach Hannover um und 2 Jahre später innerhalb Hannovers nochmals. 1963 erfolgte dann ein Umzug nach Männedorf am Zürichsee und schließlich 1977 zogen meine Eltern nach Weinheim an der Bergstraße, um hier in der Nähe ihrer Enkel, ihren Lebensabend zu verbringen. Das Paket von Ellen Kämpfer begleitete alle Umzüge - natürlich ungeöffnet, in stillem Gedenken. In Weinheim lag es seit dieser Zeit im Schrank meiner Mutter, der in ihrem Zimmer stand und in dem Sie alle Dinge des täglichen Bedarfs, Schreibutensilien, Nähzeug, Spielsachen für die Enkelkinder, Fotos, Schmuck etc. verwahrte.

MeineMutter starb im Juli 1994. Auf Wunsch meines Vaters durfte in ihrem Zimmer nichts verändert oder gar herausgenommen werden. Als er im Dezember 2000 dann verstarb, lagen Bleistift und Notizblock, die meine Mutter noch wenige Tage vor ihrem Tod benutzt hatte, an derselben Stelle. In den Wochen danach machten wir uns ans Sortieren und Aufräumen der Wohnung meiner Eltern. Ich stieß auf ein altes Paket aus grobem Packpapier, sorgfältig verschnürt, das ich vorsichtig öffnete. Erst als ich den Inhalt sah, erinnerte ich mich an meine Kindheit: das Paket der nicht zurückgekehrten Freundin. Es hatte alle Umzüge mitgemacht und war immer in der Nähe meiner Mutter geblieben - ein Schauder lief über meinen Rücken! Die wenigen, armseligen Kleidungsstücke und sonstigen Kleinigkeiten angesichts des Grauens, das Ellen Kämpfer erlebt haben musste! Ich erschrak, ich hatte das Gefühl in etwas eingebrochen zu sein, durch das Öffnen etwas unwiderruflich ausgelöscht zu haben - wie eine Kerze, die noch ein ganz wenig glimmt, durch eine unachtsame, schnelle Bewegung ganz und endgültig gelöscht wird.

Ich packte alles sorgfältig wieder zusammen und nahm es mit in unser Haus. Ich erzählte meinen Fund meinen inzwischen erwachsenen Kindern. "Ja", sagten sie, "das ist das Paket, das unten in Omas Schrank lag und wenn wir etwas aus dem Schrank holen sollten und nach dem Paket fragten, dann hat die Oma immer geweint!" Seit dieser Zeit liegt das Paket im Regal in meinem Arbeitszimmer und 60 Jahre nach dem Ende des Grauens, das die Nationalsozialisten in der Welt angerichtet haben, ist es Zeit die Geschichte aufzuschreiben und dem so dringend notwendigen Erinnern an des Geschehene einen kleinen Mosaikstein hinzuzufügen.

Jetzt kann ich das Paket nochmals vorsichtig öfnen. Stück für Stück nehme ich den Inhalt heraus:

  • ein Schlüpfer mit Sicherheitsnadel
  • ein Blusenkragen
  • ein Strumpfhalter
  • eine Schürze mit eingestickten Initialen "E.K."
  • in der Mitte des Paketes, eingewickelt in Seidenpapier, eine Flasche Odol-Mundwasser, ein Stück Dralle-Blumenseife und ein Waschlappen
  • darunter - ebenfalls in Seidenpapier eingepackt - einige Zettel: eine Art Abrechnungszettel mit Datum vom 19.8.39, eine Art primitiver "Schuldschein" über RM 30, unterschrieben von Ludwig Baier, sowie ein weiterer kleiner Zettel eine Kleiderkasse betreffend
  • ein kleines Bündel mit Spitzendeckchen und Taschentüchern
  • nochmals ein Blusenkragen
  • ein Baumwoll-Trägernachthemd Marke "Goldfisch"
  • und eine kleine Fotomappe des "Drogerie u. Photohauses Erich Rotermund Hamburg 19, Eppendorferweg 84" mit einem Foto von ihr selbst ??, dazu auch das entsprechende Negativ, zwei Familienfotos ?, eines datiert auf der Rückseite mit "25.8.35 Rostock", ein weiteres kleines Foto ?, vier größere Fotos, drei davon vielleicht ihre Mutter ? und eines vielleicht ihre Großeltern ?, sowie in einer Cellophanhülle ein Schein "Braunschweiger Notgeld" über 75 Pf., ausgestellt von der Braunschweigischen Staatsbank 1921.

Von Ellen Kämpfer wussten wir bisher nur, dass sie Jüdin und eine Freundin meiner Mutter war. Wie sie gelebt hat, was ihr sonstiges Umfeld war, davon war nichts überliefert.

Durch einen Freund von uns wurde im Frühsommer 2005 ein Kontakt zum Jüdischen Museum in Berlin* geknüpft und so fuhren wir - mein Sohn Claudio und ich - am 19. Juli 2005 nach Berlin und übergaben das Paket an das Museum.  Im Archiv des Museums suchten wir nach dem Namen Ellen Kämpfer: Jetzt wissen wir, dass Ellen Kämpfer, geboren am 11.1.1894,  1941 von Hamburg nach Litzmannstadt/Lodz deportiert wurde; sie ist als verschollen aufgeführt. Und in der Liste der Ermordeten fanden wir ihren Mädchennamen: Holstein.
Holstein - der Name rief etwas in meinem Gedächtnis wach ...  ja, richtig: Betty Holstein! Meine Mutter hatte früher immer wieder in ihren Erzählungen diesen Namen erwähnt. Wir schlugen unter “H” nach: Holstein, Betty, Hamburg, geb. 17.6.1884, verschollen, deportiert nach Litzmannstadt/Lodz. Wie wir in der Zwischenzeit aus den Unterlagen des Staatsarchivs Hamburg wissen, waren die beiden Schwestern und wohnten zum Zeitpunkt der Deportation in der Eichenstraße 22**. Ellen wurde 1938 geschieden, Betty war ledig. Beide arbeiteten bei der Firma Coutinho Cara & Co, Ellen als Büroangestellte, Betty als Buchhalterin. Vom Ghetto Lodz aus, wo sie in der Richter-Straße 9, Wohnung 11, wohnten (Datenbank von Yad Vashem), wurden sie am 10.5.1942 weiter ins Vernichtungslager Chelmno deportiert und dort grausam umgebracht (siehe diesen Link).

Und so soll dieser Bericht dem Gedenken beider, Ellen Kämpfer-Holstein und Betty Holstein, gewidmet sein - und ein klein wenig auch ihrer jüngeren Freundin Elfriede Thunsdorff-Mollenhauer, die dem Terror der Nazis entging, nur weil sie keine Jüdin war.

Die Lebensgeschichte meiner Mutter, Elfriede Thunsdorff, geborene Mollenhauer, ist auf einer weiteren Seite zusammengefasst:    dafür hier anklicken

* Das Paket ist seit dem 14.12.2006 in der Achse des Holocaust ausgestellt. Dem Jüdischen Museum in Berlin - Mitarbeitern und Leitung - sagen wir unseren herzlichen Dank für das Interesse an dieser bewegenden Geschichte und der Bereitschaft das Paket von Ellen Kämpfer in seine Dokumentationen mit aufzunehmen. Für uns erfüllt sich dadurch ein stiller Wunsch - es kommt etwas zur Ruhe, was bisher noch keine Ruhe hatte finden können.

** Seit Mitte Juni 2006 sind vor dem Haus Eichenstrasse 22 (das Gebäude in dem Ellen und Betty wohnten, wurde im Krieg zerstört) zu ihrem Gedenken zwei "Stolpersteine" verlegt, für die wir die Patenschaft übernommen haben. Herzlichen Dank sagen wir an dieser Stelle dem Künstler Gunter Demnig, dem Initiator und Ausführenden der Aktion Stolpersteine, sowie dem Koordinator dieser Aktion in Hamburg, Peter Hess. (Für Informationen zu dem Projekt "Stolpersteine" in ganz Deutschland siehe auch: www.stolpersteine.com.)

Kämpfer 1
Kämpfer 2
Kämpfer 3
Kämpfer 4

 

Paket
Vitrinenansicht Paket

Ein Blick in die Vitrine beim Jüdischen Museum Berlin

Stolpersteine k1 Eichenstraße k