Hans Thunsdorff

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Hans Thunsdorff wurde am 5. August 1907 in Kiel geboren. Nach Abitur in Kiel und Studium
der Mathematik und Physik promovierte er 1932 an der Universität Göttingen mit einer Arbeit über "Konvexe Funktionen und Ungleichungen". Ein Ergebnis dieser Arbeit ging viel später - in den 90er Jahren - als "Thunsdorff-Ungleichnung"*) in die mathematische Literatur ein.

Nach Studium und Promotion wurde er 1932 Mitarbeiter des Verbandes Öffentlicher Lebensversicherer in Berlin. Er folgte damit im Kreis der Öffentlichen Versicherer seinem Großvater Theodor Thunsdorff, der Sekretär der Ostpreußischen Feuersozietät in Königsberg gewesen war. Zunächst in der Mathematischen Abteilung tätig, wechselte er in die Revisionsabteilung des Verbandes und wurde damit als Prüfer für die Mitgliedsanstalten tätig. Seine fachliche Kompetenz war unbestritten und hoch geschätzt, aber leitende Führungspositionen wurden ihm verwehrt, da er nicht "linientreu" war (der Verband wurde bereits am 6.12.1933 "gleichgeschaltet"; Vorsitzender des Verbandes wurde der NSDAP-Reichstagsabgeordnete und spätere Gauleiter von Pommern, Franz Schwede, Verbandsdirektor wurde der NSDAP-Kreisleiter Otto Schmidt). Folgende Aussage des Arbeitgebers ist beurkundet: "Thunsdorff ist politisch unzuverlässig und kann daher nicht Direktor werden."

1940 heiratet er Elfriede Mollenhauer aus Hamburg.

1941 wurde er mit der kommissarischen Leitung der Lebensversicherungsanstalt Westpreußen in Danzig beauftragt, da der dort als Leiter eingesetzte NSDAP-Mann die Gesellschaft in Schieflage gebracht hatte. Aber bereits 1942 wurde Hans Thunsdorff dann zum Militärdienst eingezogen, weil das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) dringend Mathematiker für die Entzifferung brauchte; parallel arbeitete er dann auch wieder im Verband in Berlin. Er durfte - als besondere Ausnahme - das OKW in Zivil betreten, da er sich weigerte, militärisch befördert zu werden. Aus seinen späteren Erzählungen geht hervor, dass er - und wohl auch einzelne andere - wenn irgend möglich, die Entzifferungsvorgänge hintertrieben hat.

1943 wird sein einziges Kind, Peter, geboren.

Anfang 1945 wird er vom Verband Öffentlicher Versicherer beauftragt eine Dienstreise nach Dresden zur dortigen Anstalt, ÖVA-Sachsen, zu machen. Er beschließt dies als Gelegenheit zur Desertion zu nutzen. Er stellt seinen Koffer - nur mit ein paar Steinen zur "Gewichtstarnung" bepackt - in seiner Unterkunft in der Nähe der Frauenkirche ab und nimmt den nächsten Zug nach Hamburg und weiter nach Garding (Halbinsel Eiderstedt), wo Frau und Kind in einem Bauernhof evakuiert sind. In der folgenden Nacht wird Dresden zum ersten mal bombardiert. In Berlin, beim Verband und im OKW, denkt man er sei dabei ums Leben gekommen und sucht ihn deshalb nicht. Hans Thunsdorff verbringt die nächsten Monate bis zum Kriegsende hinter einer über Eck gestellten hohen Kommode, in der die Hauseigentümer - stramme Nazis - noch einige Sachen hatten und deshalb hin und wieder ins Zimmer kamen, um etwas zu holen. Seine Frau hatte dann immer Angst, dass der kleine 2-jährige Peter genau in diesem Moment nach dem Papa rufen könnte und so das Versteck erkannt werden könnte. Nachts stieg er dann aus dem ebenerdigen Fenster in den Garten und vertrat sich in den umliegenden Wiesen die Füsse. Er hatte das Glück nicht entdeckt zu werden - sonst wäre er wohl durch die SS auf der Stelle als Deserteur standrechtlich erschossen worden - was in Eiderstedt auch nach der Kapitulation noch geschah, da das englische Militär erst ein paar Tage später das Gebiet besetzte.

Nach Kriegsende war Hans Thunsdorff zunächst als beauftragter Geschäftsführer für die Neubildung des Verbandes Öffentlicher Lebensversicherungsanstalten in der britischen Zone tätig. Er begann an Vorlagen zum Neuaufbau der Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland zu arbeiten, die den Alliierten zur Genehmigung vorgelegt werden sollten. Aus organisatorischen Gründen werden die Vorlagen durch die Allianz-Lebensversicherung vorgelegt und von den Alliierten auch genehmigt.

Am 15. Februar 1946 wird Hans Thunsdorff in Kiel von der Ratsherrenversammlung einstimmig zum Dezernenten für Wirtschaft und Ernährung im Range eines Oberverwaltungsrates gewählt (Leiter des Stadternährungsamtes).

Am 13.Juni1946 wird er durch die Stadtverordneten-Versammlung Schleswig einstimmig auf 12 Jahre zum Stadtdirektor gewählt, tritt diese Stelle aber nicht an. Parallel wurde ihm die Stelle des Generaldirektors der Provinzial-Lebensversicherung Hannover angeboten, da auf Veranlassung von Dr. Kurt Schumacher, dem Vorsitzenden der SPD und Mitglied des Hannoverschen Landtags, diese Position mit einem unbelasteten Fachmann besetzt werden sollte. Er entschied sich im Versicherungsfach zu bleiben.

Er wird sofort Mitglied im sogenannten Interzonenausschuß, dem Vorläufer des späteren Verbandes der Lebensversicherungsunternehmungen. In ihm sind Vertreter von privaten Versicherungsgesellschaften und neben Hans Thunsdorff aus dem Kreis der Öffentlichen Versicherer noch Dr. Gustav Weiß von der ÖVA-Versicherung in Mannheim vertreten. Das besondere Anliegen von Hans Thunsdorff ist, die alten Gegensätze zwischen privaten und öffentlichen Versicherern zu überbrücken und einen Neuanfang in der Zusammenarbeit zu beginnen; dies gelingt in der Folgezeit in hervorragender Weise.

1948 bemüht sich die Allianz-Lebensversicherung in Stuttgart Hans Thunsdorff als Mitglied des Vorstandes zu gewinnen. In seiner Sitzung vom 15.9.1948 beschließt der Aufsichtsrat der Allianz Hans Thunsdorff in den Vorstand zu berufen sobald er Hannover verlassen kann. Die Angelegenheit zieht sich längere Zeit hin, bis Hans T. am 5.8.1949 absagt, um in Hannover zu bleiben. Das Antwortschreiben des Vorstandsvorsitzenden der Allianz, Dr. Gerd Müller, drückt die Enttäuschung über diesen Beschluß aus, aber gleichzeitig auch die Hoffnung, dass sich Hans Thunsdorff vielleicht doch noch zu einem späteren Zeitpunkt umentscheidet.

Hans Thunsdorff gehörte zahlreichen Gremien der Versicherungswirtschaft an, insbesondere des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV), des Verbandes der Lebensversicherungsunternehmen und des HUK-Verbandes.

Am 30.6.1957 beendet Hans Thunsdorff seine Tätigkeit als Generaldirektor der Provinzial Hannover, wechselt in den Verwaltungsrat derselben und macht damit den Weg frei für den Zusammenschluß der Provinzial mit der Landschaftlichen Brandkasse Hannover zur VGH, Versicherungsgruppe Hannover.

1958 wurde er zum Verbandsvorsitzenden und Verwaltungsratsvorsitzenden der beiden Verbände Öffentlicher Versicherer gewählt (womit er eine derjenigen Positionen einnahm, die ihm während der Nazi-Zeit aus politischen Gründen verwehrt wurde) und war in dieser Funktion gleichzeitig bis 1963 stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Sparkassen-Versicherung Lebensversicherung AG in Stuttgart. Mit Erreichen der Altersgrenze schied er 1972 aus dem Verwaltungsrat der Provinzial Hannover aus.

Seit 1963 lebte er zunächst in Männedorf/Schweiz,
seit 1976  in Weinheim an der Bergstraße;
er verstarb am 14.12.2000.

*) Literaturhinweise zur "Thunsdorff-Ungleichung":
 Pecaric, Proschan and Tong "Convex Funktions, Partial Orderings and Statistical Applications",
 Academic Press, 1991, Seite 217
 Pecaric, Josip, and Persson, Lars Eric, "Some Weighted Multidimensional Berwald, Thunsdorff and Borell
 Inequalities" in Mathematica Pannonica, 7/2 (1996), 281 - 290